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"Was soll das alles?" Die Psychologie der Orakel: Placeboeffekte und ihre Macht.

Wer sich mit Orakeln beschäftigt, kommt an der Frage "Was soll das alles?" nicht vorbei. Seit Jahrzehnten faszinieren mich die oft überraschend zutreffenden und hilfreichen Antworten des I Ging und des T'ai Hsüan Ching, auch wenn mein Verstand an ihrer rationalen Begründbarkeit zweifelte. Wie können nicht wissenschaftlich erklärbare Antworten eine so hohe "Trefferquote" haben? - Oder sind Orakel wissenschaftlich erklärbar?

Trotz dieser Skepsis habe ich in schwierigen Lebensphasen stets auf diese alten Orakel vertraut. Irgendwie spürte ich intuitiv: "Da ist etwas dran." Mein Interesse wurde zusätzlich durch kluge Köpfe wie
Carl Gustav Jung, Hermann Hesse, Bob Dylan, Richard Wilhelm und Gottfried Wilhelm Leibniz bestärkt, die sich intensiv mit dem I Ging auseinandergesetzt haben.

 

Diagramm, das die psychologischen Mechanismen des Placebo-Effekts, Nocebo-Effekts und der Selbstwirksamkeit veranschaulicht.Problems, Placebo_2.jpg

Die Macht des Placeboeffekts: Wie der Placeboeffekt und der Nocebo-Effekt die Wahrnehmung von Orakelantworten beeinflussen.

Spätestens seit den Arbeiten von Park und Covi (1965) wissen wir: Ein Mittel kann eine Wirkung entfalten, selbst wenn diese wissenschaftlich nicht erklärt, aber definitiv nachweisbar und reproduzierbar ist. Patienten erlebten eine Linderung von Symptomen, selbst nach der Gabe von Zuckerpillen statt Medikamenten – der Placeboeffekt! 

Warum sollten Orakelantworten nicht eine ähnliche Placebofunktion haben? Dies könnte erklären, warum sie hilfreich sein können, selbst wenn ihr Entstehen einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhält. Diese Erklärung besänftigte meine Zweifel, räumte sie aber nicht vollständig aus, da ich mir der "Placebo"-Natur und der fehlenden wissenschaftlichen Fundierung bewusst war.

Open-Label-Placebos: Die Überraschung der offenen Wirksamkeit

Die entscheidende Befreiung erfuhr ich 2021 durch einen Artikel über

offene Placebos (Open-Label-Placebos, OLP) in

www.nature.com/scientificreports. Die Essenz der dort ausgewerteten  Open-Label-Placebo-Studien aus dem Jahr 2008 war, dass Placebos auch dann wirksam sind,

wenn Patienten wissen, dass sie kein "echtes" Medikament erhalten. (Ein Phänomen, das bereits 1965 von Park und Covi erkannt, aber nicht weiterverfolgt wurde.)

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Die Analogie zwischen Orakelantworten und Placebos trifft zu, da beide Phänomene ähnliche Mechanismen nutzen:

·        Positive Erwartungshaltung: Beim Befragen eines Orakels erhoffst du dir eine Lösung, Führung oder Bestätigung. Diese positive Erwartung kann – ähnlich wie beim OLP – die subjektive Wahrnehmung von Erfolg oder Linderung beeinflussen.

·        Aktivierung eigener Ressourcen: Der Orakelrat selbst mag keine "magische" Wirkung haben, doch die Auseinandersetzung damit und das Befolgen der Empfehlung können dich anregen, eigene Problemlösungsfähigkeiten zu aktivieren, aktiver zu werden oder deine Perspektive zu ändern. Analog kann ein OLP körpereigene Selbstheilungskräfte anstoßen.

·        Reduktion von Unsicherheit und Angst: Sowohl ein Orakel als auch ein OLP können in unsicheren oder ängstlichen Situationen ein Gefühl von Kontrolle oder Sicherheit vermitteln. Das Gefühl, "etwas zu tun" oder "einen Plan zu haben", wirkt stressreduzierend und beeinflusst Wohlbefinden und Problembewältigung positiv.

·        "Behandlungsritual"-Effekt: Das Ritual des Orakelbefragens oder des Empfangens eines Ratschlags – oft in einer besonderen Atmosphäre oder von einer angesehenen Person – kann, ähnlich dem Ritual der Pilleneinnahme beim OLP, eine Wirkung entfalten, die vom Inhalt unabhängig ist. Hier irrt C.G. Jung, wenn er annimmt, es sei unerheblich, ob das I Ging mittels Münzenwerfen oder Schafgarbenstängeln befragt wird. Genauso wird die einfache, aber umfassende, in unserer Buchausgabe des T'ai Hsüan Ching vorgestellte Befragungsmethode des Sprachspiels zum Erfolg beitragen.

Der wahre Wert des Orakels:

Das Orakel als Katalysator für deine Selbstwirksamkeit.

Wenn der Glaube Berge versetzt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man nicht mit der objektiven Richtigkeit oder konkreten Vorhersagekraft des Orakelrates rechnen darf. Aber warum funktionieren Orakel? Der "Inhalt" ist – wie beim OLP – hinsichtlich einer direkten, kausalen Wirkung von außen "leer". Man kann sich jedoch darauf verlassen, dass das Befolgen des Rates positive subjektive Auswirkungen haben kann.

​Diese entstehen durch die Aktivierung innerer psychologischer und physiologischer Prozesse, die Reduktion von Stress und Unsicherheit, die Neuausrichtung der Aufmerksamkeit und die Beeinflussung der eigenen Erwartungshaltung und Wahrnehmung. Es geht also nicht um den Wahrheitsgehalt des Rates, sondern um die Macht des Glaubens und der Handlungsbereitschaft, die durch den Rat ausgelöst werden. Das Orakel fungiert als Katalysator für die Selbstwirksamkeit des Ratsuchenden.

Das ist vergleichbar mit der unter der Überschrift "ZUFALL" auf unserer Webseite C.G. Jung zugeschriebenen Auffassung, dass es nicht darum geht, den Zufall zu leugnen, sondern ihn als potenzielle Brücke zu einer sinnhaften Dimension des Lebens zu betrachten.

Die Kehrseite der Medaille: Der Nocebo-Effekt und wie man ihm begegnet

​​​Je mehr ich von der Wirkmächtigkeit einer Orakelantwort überzeugt war, desto bewusster wurden mir auch die damit verbundenen Gefahren, die keinesfalls verschwiegen werden sollen. Im Gegensatz zum Placebo-Effekt, bei dem positive Erwartungen zu einer Verbesserung der Symptome führen, bezeichnet der Begriff "negative Placebos" – besser bekannt als Nocebo-Effekt – das Phänomen, dass negative Erwartungen oder Befürchtungen negative körperliche Reaktionen oder eine Verschlechterung von Symptomen hervorrufen können, selbst wenn das verabreichte Mittel oder die Maßnahme an sich unwirksam oder neutral ist. Das Wort "Nocebo" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet "Ich werde schaden" – im Gegensatz zu "Placebo", was "Ich werde gefallen" bedeutet.

Der Nocebo-Effekt basiert auf ähnlichen psychologischen und neurobiologischen Mechanismen wie der Placebo-Effekt, aber mit umgekehrten Vorzeichen.  Die bekanntesten glaubwürdigen Nocebo-Effekt Beispiele bieten die Voodoo-Todesfälle: Obwohl extrem und kulturell bedingt, werden Berichte über Menschen angeführt, die nach einem Voodoo-Fluch oder einer ähnlichen negativen Suggestion tatsächlich krank wurden oder sogar starben, weil ihr fester Glaube an die negative Wirkung ihren Körper so stark beeinflusste. Der Nocebo-Effekt ist also die Kehrseite des Placebo-Effekts und zeigt, wie mächtig die menschliche Erwartungshaltung und der Glaube an die eigene Gesundheit oder Krankheit sein können.

​Da grundsätzlich Nocebo Orakel Antworten möglich sind, müssen wir uns ernsthaft Gedanken darüber machen, was wir dagegen tun können.

Strategien gegen den Nocebo-Effekt bei Orakelantwortentrategies 

1.     Bewusstsein schaffen: Zu wissen, dass negative Erwartungen körperliche und psychische Reaktionen auslösen können, ist ein entscheidender erster Schritt. Wenn du verstehst, dass deine negativen Gefühle oder Symptome möglicherweise auf deine eigenen Erwartungen zurückzuführen sind, kannst du besser damit umgehen. Betrachte eine Orakelantwort als eine Interpretation und einen Denkanstoß, nicht als eine unveränderliche Tatsache. 

Diese Antwort gab "Das junge I Ging" auf eine Frage bezüglich des OLP-Effekts und zeigt, wie Orakel als Katalysator wirken können. Diese Darstellung, mitsamt einem atemberaubenden Kunstwerk von Gong Xian, stammt aus dem Buch zur App.

Alte chinesische Landschaftsmalerei von Gong Xian, die das Kunstwerk aus dem Buch zur App zeigt.

2.     Selbstwirksamkeit stärken: Erinnere dich daran, dass du selbst die Kontrolle über dein Leben hast. Deine Entscheidungen und Handlungen beeinflussen deine Zukunft maßgeblich. Eine Orakelantwort ist keine unvermeidliche Bestimmung, sondern lediglich ein Hinweis.

3.     Negative Informationen nicht wiederholen: Vermeide es, dich immer wieder mit einer ungünstigen Orakelantwort zu beschäftigen oder sie zu wiederholen. Konzentriere dich stattdessen bewusst auf neue, positive Eindrücke und Informationen.

Trotz ihrer potenziellen Fallstricke ist eine ungünstige Orakelantwort

keineswegs ein Schicksalsurteil.  Sehen wir das Orakel als Wegweiser, der uns signalisiert, unser "Schiff in sicherere Gewässer zu lenken". Er lädt uns ein, unsere aktuelle Richtung zu überdenken und proaktiv Anpassungen vorzunehmen. In diesem Sinne könnte eine negative Antwort sogar wertvoller sein als eine positive, da sie uns zur nötigen Kurskorrektur im Leben anregt.

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